Mach mal Pause! Wie Fachkräfte in der VUCA-Welt bestehen

Frau sitzt auf Schreibtisch und macht Yoga

Mach mal Pause – das gilt im Home Office ganz besonders! Bild © Westend61/Getty Images

Um in der von Komplexität und Unsicherheit geprägten digitalisierten Welt zu bestehen, kommen die Menschen nicht umhin, ihre Arbeitsweisen auf den Prüfstand zu stellen und sich neue Kompetenzen anzueignen. Dritter und abschließender der Teil unserer Beitragsserie zur Hays-Wissensarbeiterstudie 2020 im Kontext von New Work – mit konkreten Ratschlägen, wie Fachkräfte die Herausforderung der Digitalisierung (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität = VUCA) in den Griff bekommen können.

Der Wandel der Arbeitswelt – Stichwort: New Work – erfordert nicht nur flexible Organisationen, sondern auch Menschen, die in der Lage sind, mit dem massiven Veränderungsdruck konstruktiv umzugehen und sich trotz steigender Komplexität und Unsicherheit – Stichwort: VUCA – produktiv einzubringen. Wie aber lässt sich die hierzu notwendige Widerstandsfähigkeit (Resilienz) aneignen und wo können die Fachkräfte konkret ansetzen, um sich besser auf die Bedingungen der VUCA-Welt einzustellen?

Die Experten, mit denen ich im Rahmen der Hays-Wissensarbeiter-Studie 2020 sprechen konnte, lieferten hierzu viele wertvolle Hinweise, die sich grob fünf Handlungsfeldern zuordnen lassen:

Dr. Josephine Hofmann // Bild: Privat

1.Eigenverantwortung wahrnehmen: (Mit-)denken, profilieren, kommunizieren

Die Fachkräfte in den Unternehmen – so erläutert die Wirtschaftsforscherin Dr. Josephine Hofmann (Fraunhofer IAO) – kommen angesichts des sich rasant verändernden Umfelds gar nicht umhin, ihr Schicksal stärker in die eigenen Hände nehmen. Insbesondere sollten sie nicht darauf vertrauen, dass ihnen die ohnehin verunsicherten Führungskräfte das (Um-)Denken irgendwie abnehmen. Denn, so ihr Credo:

„Eine moderne Führung braucht auch (mit)denkende Menschen!“ (Hofmann)

Auch der Managementberater Randolf Jessl (auctority.de) appelliert an die Eigenverantwortung der Fachkräfte. Im Interview zur Studie rät er dazu, das eigene Profil zu schärfen und dieses aktiv nach außen zu kommunizieren:

„Mein wichtigster Tipp für Wissensarbeiter ist, sich deutlich zu profilieren – sich also klar zu machen, wo die spezifische eigene Kompetenz liegt und was die eigene Persönlichkeit ausmacht – und dieses Profil dann auch zur Anschauung zu bringen.“

Randolf Jessl // Bild: © privat

Das „eigene Profil zur Anschauung zu bringen“ gelingt übrigens nach meiner Erfahrung recht gut, indem über soziale Netzwerke eigenes Wissen mit anderen Menschen geteilt wird, um zu Problemlösungen oder zum Erkenntnisgewinn beizutragen. Die Anerkennung als Experte ist hier nicht das erste Ziel, aber ein willkommener Nebeneffekt. Methoden wie „Working Out Loud“ – wie sie u.a. bei q.beyond praktiziert werden – bieten einen guten Einstieg in diese vielversprechende, aber für viele Mitarbeitende noch ungewohnte Form der sozialen Zusammenarbeit.

 

2. Mentale Gesundheit: Pausieren, reflektieren, professionelle Unterstützung suchen

Der Podcaster Frank Eilers (“Die Arbeitsphilosphen“) bringt noch eine weitere Perspektive in die Diskussion, indem er dazu anregt, mit der eigenen mentalen Leistungsfähigkeit und Gesundheit professioneller umzugehen. Eine seiner Kernforderungen dabei:

Wissensarbeit braucht Pausen!“

Frank Eilers // Bild © Daniel Mühlebach

Denn Pausen seien für die Regeneration und Reflektion essentiell. Wissensarbeiter sollten sich bewusst sein, dass der Kopf ihr wichtigstes Kapital ist und Reflexion der Hebel, um dieses zu erschließen und zu erweitern. Zur Gewährleistung der mentalen Gesundheit empfiehlt er zudem, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – ein Thema, das heute noch vielfach tabuisiert werde.

Tatsächlich zeigen die Resultate der Hays-Wissensarbeiterstudie, wie groß der Aufklärungsbedarf in diesem Feld noch ist: Zwar investiert etwa ein Drittel der Wissensarbeiter, darunter vorwiegend Führungskräfte, heute in mentales Training. Allerdings tun dies gerade einmal sieben Prozent regelmäßig.

 

3. Vernetzung: Themen- und branchenübergreifenden Austausch forcieren

Der fachliche Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg wird dagegen von einem Großteil der Wissensarbeiter heute bereits als wichtig erachtet: Mehr als die Hälfte der Angestellten und knapp drei Viertel der freiberuflichen Wissensarbeiter investieren laut Studie in den Ausbau unternehmensübergreifender fachlicher Netzwerke.

Gleichwohl lohnt es sich, das Thema „Vernetzung“ noch etwas weiter zu denken.  So regt Frank Eilers dazu an, „Netzwerke [auch] mit themen- und branchenfremden Menschen [zu] bauen, um mental frisch zu bleiben, andere Perspektiven kennenzulernen und auf Entwicklungen, die jenseits des eigenen Horizonts stattfinden, aufmerksam zu werden.“

Die wichtigsten Expertentipps im Überblick

1. Eigenverantwortung: Heft das Handelns in die eigenen Hände nehmen, Profil erarbeiten, schärfen und zur Anschauung bringen

2. Mentale Gesundheit: Zeit für Pausen und Reflektion nehmen, professionelle Hilfe nutzen

3. Vernetzung: Austausch mit themen- und branchenfremden Menschen suchen, interpersonelle Kompetenzen (Zusammenarbeit, Führung etc.) ausbauen

4. Digitalkompetenz: Hybriden (digital-analogen) Arbeitsstil entwickeln, Selbstmanagement ausbauen

5. Experimentieren: Testweise in neue Gefilde vorstoßen und sich neuen Erfahrungen stellen.

Für den Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets spricht auch noch ein weiterer Grund: In dem zunehmend komplexen Arbeitsumfeld sind heute weniger reine Nerds als vielmehr Fachexperten mit Überblick, Empathie und Neugier (Stichwort: T-shaped Professional) gefragt. Umso wichtiger ist es laut Randolf Jessl, dass sich die Mitarbeiter darin üben, themenübergreifend zusammenzuarbeiten:

Um komplexe Probleme zu lösen, ist es notwendig, das große Bild im Blick zu behalten – und dies am besten im Austausch mit Experten aus anderen Bereichen. Hierzu benötigen die Fachexperten auch interpersonelle Fähigkeiten – also neben ihrer Fachlichkeit auch Führungs- und Zusammenarbeitswissen.“

 

4. Digitalkompetenz: Digitale Arbeitsstile und Selbstmanagement ausbauen

Prof. Dr. Gerald Lembke, Experte für digitale Medien fordert im Interview mehr Digitalkompetenz. Daran mangele es derzeit sowohl bei den aktuellen als auch bei den zukünftigen Wissensarbeitern, den heutigen Studierenden. So seien die Vertreter der Generation Y oder Z nach seiner Erfahrung zwar gut darin, digitale Services zu konsumieren, scheiterten aber regelmäßig beim produktiven Einsatz.

Prof. Dr. Gerald Lembke // Bild: © privat

Zum effektiven digitalen Arbeiten gehört aus Lembkes Sicht auch, das Smartphone oder den Laptop ab und an auszuschalten. So verbrächten heute viele Menschen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit der Sammlung von Information über digitale Werkzeuge, wogegen für deren Verarbeitung Zeit und Aufmerksamkeit fehle. Sein Fazit:

„Wir müssen wieder lernen, uns zu konzentrieren.“

Apropos Konzentration: Der US-amerikanische Informatikprofessor Cal Newport schlägt in seinem Bestseller „Deep Work“ verschiedene Strategien vor, um konzentriertes Arbeiten trotz des omnipräsenten digitalen Lärms zu gewährleisten. Die Spanne reicht von bewusster Abschottung, über konsequente Zeitplanung und kluges Priorisieren bis hin zur Pflege von Ritualen. In diesem Artikel erläutert er, welche dieser Strategien er wie persönlich umsetzt.

Dr. Stefan Kaduk (li.) und Dr. Dirk Osmetz // Bild: © privat

5. Experimentieren: Neue Wege ausprobieren

Die beiden Musterbrecher® Dr. Dirk Osmetz und Dr. Stefan Kaduk plädieren regelmäßig für Experimente, um in starren Organisationen einen Kulturwandel in Gang zu setzen – wie in diesem Beitrag im q.beyond Blog diskutiert. Im Gespräch zur Studie führen sie aus, dass Experimentieren auch bei der Weiterentwicklung auf persönlicher Ebene helfen kann:

„Und da sind wir wieder beim Experimentieren, es bleibt uns in der VUCA-Welt schlicht nichts anderes übrig [..] Dies gilt für alle Ebenen, für einzelne Menschen genauso wie für die Unternehmen und für die Gesellschaft. So ist heute jeder Wissensarbeiter gefordert, neue Wege auszuprobieren und sich neuen Erfahrungen zu stellen, um sich weiterzuentwickeln.“

Epilog

Der Einschätzung der beiden Musterbrecher am Schluss dieses Beitrags bleibt kaum noch etwas hinzuzufügen – außer, dass sich all die von den Experten vorgeschlagenen Maßnahmen in einem stimmigen Umfeld natürlich wesentlich einfacher und effektiver umsetzen lassen. Die Appelle an mehr Eigenverantwortung und Risikobereitschaft auf Seiten der Mitarbeitenden sollten und dürfen nicht darin münden, dass sich die Unternehmen aus der Verantwortung stehlen. Bei der Gestaltung neuer Arbeitswelten – so die Essenz aus der dieser Beitragsreihe – stehen schließlich sowohl Angestellte als auch die Arbeitgeber in der Pflicht.

 

Weitere Beiträge zur Hays-Wissensarbeiterstudie 2020

 

Lesen Sie auch, wie q.beyond das neue Arbeiten unterstützt und für die passenden Strukturen sorgt: https://www.qbeyond.de/new-work/

 

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