Digitaler Wandel auf Irrwegen: Die erschöpfte Belegschaft

Der Anstieg der Produktivität der Wissensarbeit in Folge der Digitalisierung geht mit zunehmendem Leistungsdruck und einer steigenden Arbeitsbelastung der Wissensarbeiter einher. Ein ernüchternder Befund, der zeigt: Ein wenig New-Work-Kosmetik reicht nicht aus, um den digitalen Wandel nachhaltig erfolgreich zu gestalten.

Zweiter Teil der Beitragsserie zur Hays-Wissensarbeiterstudie 2020 mit den Kernergebnissen der empirischen Befragung.

Mehr Mobilität bei der Wissensarbeit Bild: © Westend61 / Getty Images

Die Einlösung der mit Digitalisierung und New Work einhergehenden Versprechen an die Mitarbeiter – à la mehr Freiheit, Selbstbestimmung, Spaß bei der Arbeit etc. – ist nicht garantiert. Denn in der Praxis entpuppen sich viele New-Work-Initiativen als Mogelpackungen und die digitale Transformation der Arbeitswelt erweist sich als deutlich herausfordernder als vielfach angenommen. So mein Fazit aus dem ersten Beitrag der aktuellen Artikelreihe zur Hays-Wissensarbeiterstudie 2020, in der eine kritische Bewertung der New-Work-Bewegung aus Sicht renommierter Experten vorgenommen wurde.

In diesem Beitrag möchte ich die Kernergebnisse der Studie diskutieren. Sie verdeutlichen, wo die Schwerpunkte bei der Digitalisierung der Arbeitsumgebungen derzeit liegen, welche Versprechen dabei bislang eingelöst wurden und wo noch Nachholbedarf besteht. Grundlage der Studie ist eine empirische Befragung von mehr als 1.000 hoch qualifizierten Fachkräften in Deutschland, darunter 770 Angestellte und 272 Freiberufler.

 

Wahrgenommene Veränderungen im Arbeitsumfeld aufgrund von Digitalisierung

Wahrgenommene Veränderungen im Arbeitsumfeld aufgrund von Digitalisierung // Bild: © Hays

Fortschritte bei Mobilität, Zusammenarbeit und Produktivität

Der digitale Wandel, so zeigen die Resultate zunächst, ist keine hohle Phrase. Es tut sich etwas in den Unternehmen. Ein Großteil der befragten Wissensarbeiter berichtet über Veränderungen im eigenen Arbeitsumfeld, besonders beim Technologieeinsatz sowie bei Methoden und Prozessen (vgl. „starke Veränderungen“ in der Grafik). Und noch eine gute Nachricht: Der Einsatz digitaler Technologien zeigt Wirkung. Das Miteinander in den Teams, der Kommunikationsfluss in den Unternehmen sowie die interne und externe Zusammenarbeit haben sich laut den Befragungsergebnissen tendenziell verbessert. Knapp zwei Drittel der Wissensarbeiter halten ihr Unternehmen zudem in puncto virtuelle Zusammenarbeit für gut gerüstet. Ein bemerkenswerter Befund, der im Einklang mit vielen weiteren, während der Corona-Pandemie angestellten Untersuchungen – wie in diesem Beitrag diskutiert – steht.

Schließlich – jetzt komme ich zur dritten guten Nachricht – berichtet die überwiegende Mehrheit der Befragten (57%) von einem Anstieg der Produktivität in Folge der Digitalisierung, nur weniger als 10% der Befragten beobachten einen gegenläufigen Trend (siehe nachfolgende Abbildung).

Ich fasse zusammen: Investitionen in die technische Arbeitsumgebung, spürbare Fortschritte bei Mobilität und Zusammenarbeit, höhere Produktivität! Würde die empirische Untersuchung an dieser Stelle enden, könnte man vermelden, dass sich der Großteil der Unternehmen bei digitalem Wandel und New Work auf Kurs befindet.

 

Aber: Strukturen bleiben unverändert und Wissensarbeiter mit Routineaufgaben überlastet

Aber ist diese Lesart der Ergebnisse wirklich zutreffend beziehungsweise erschöpfend? Die weiteren Studienresultate lassen daran zweifeln. So zeigen die Berichte der Teilnehmer auch, dass bei Organisation und Führung bislang zumeist am Status quo festgehalten wird. Viele Unternehmen appellieren laut Studie zwar verstärkt an die Eigenverantwortung der Mitarbeiter, lassen aber die Strukturen unverändert und verweigern sich jeglicher Form von Experimenten.

Diagramm erläutert die Auswirkungen der neuen digitalen Technologien

Auswirkung der neuen digitalen Technologien // Bild: © Hays

Auch bei der dringend notwendigen Entlastung von Routineaufgaben lassen sich keine Fortschritte erkennen. Im Gegenteil: Die hoch qualifizierten Angestellten verbringen heute im Durchschnitt fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit (48%) mit einfachen, wiederkehrenden Aufgaben, für die sie weder Spezialwissen noch Kreativität oder Lösungskompetenz benötigen – ein Anstieg um zehn Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Hays-Wissensarbeiterstudie 2017!

 

Von wegen Win-Win-Effekt: Steigende Produktivität geht zu Lasten der Mitarbeiter

Vor diesem Hintergrund verwundert es schließlich auch nicht, dass die berichteten Produktivitätssteigerungen mit einem deutlich erhöhten Leistungsdruck und einer steigenden Arbeitsbelastung auf Seiten der Wissensarbeiter einhergehen (siehe Grafik oben).

Die New-Work-Skeptiker dürften sich an dieser Stelle bestätigt fühlen: Die Studienergebnisse liefern eher einen Beleg für eine zunehmende Selbstausbeutung der Wissensarbeiter denn für den im Zuge von New Work versprochenen Win-Win-Effekt – also dafür, dass sich Unternehmensperformance und Zufriedenheit der Mitarbeitenden gegenseitig verstärken.

Balkendiagramm veranschaulicht den Erfüllungsgrad des Versprechens auf Freiheit, Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung

Erfüllungsgrad des Versprechens auf Freiheit, Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung // Bild: © Hays

Dagegen mag man einwenden, dass immerhin ca. 40 Prozent der Befragten die mit Digitalisierung und New Work einhergehenden Versprechen für sich persönlich als eher erfüllt ansehen – wie die nachfolgende Grafik zeigt. Ein Beleg für einen nachhaltigen Erfolg ist dies freilich nicht. Knapp die Hälfte der Befragten – und somit die Mehrheit – ist schließlich gegenteiliger Auffassung.

Hinzu kommt, dass Mitglieder der Geschäftsleitung und Führungskräfte sich im Hinblick auf die Einlösung der Versprechen deutlich zufriedener zeigen als angestellte Wissensarbeiter ohne Personalverantwortung. Mit anderen Worten: Der Grad der Zufriedenheit steigt mit der Stellung in der herkömmlichen Hierarchie – was klar gegen eine von vielen New-Work-Initiativen versprochene und anvisierte Ermächtigung der Mitarbeitenden spricht.

Am zufriedensten mit den Auswirkungen des digitalen Wandels zeigen sich schließlich die freiberuflich tätigen Wissensarbeiter, was wiederum kaum verwundert: schließlich müssen die sich nicht mit altbackenen Strukturen auseinandersetzen, zudem sind sie – wie die Studie ebenfalls belegt – in deutlich geringerem Maße mit Routineaufgaben konfrontiert.

Abschließend bleibt noch anzumerken, dass für die Untersuchung ausschließlich hoch qualifizierte Mitarbeiter, also eine besonders privilegierte Gruppe unter den Wissensarbeitern interviewt wurden. Wären auch Angestellte mit niedrigerer Qualifikation befragt worden (die ebenfalls zunehmend mit Wissensarbeit konfrontiert sind), hätte sich das Bild wahrscheinlich noch weiter eingetrübt.

 

 

Hintergrund der Hays-Wissensarbeiterstudie:

Das von der Hays AG initiierte Studienprojekt startete im Jahr 2012 mit einem Thesenpapier zum „Management von Wissensarbeit(ern)“. In den folgenden empirischen Studien 2013, 2017 und 2020 wurde überprüft, ob und wie die aufgestellten Thesen in der Praxis umgesetzt werden sowie mit welchen aktuellen Themen das Management der Wissensarbeit(er) gefordert ist.

Für die Hays-Wissensarbeiterstudie 2020 mit dem Titel „Wissensarbeit im digitalen Wandel: zwischen Selbstausbeutung und Selbstverwirklichung“ wurden mehr als 1.000 hoch qualifizierte Fachkräfte in Deutschland, darunter 770 Angestellte und 272 Freiberufler befragt. Begleitend dazu wurden fünf Expertengespräche geführt.

Fazit: New Work vielfach nur Kosmetik, Produktivitätssteigerung ist nicht nachhaltig

In der Gesamtschau liefert die Hays-Wissensarbeiterstudie 2020 so trotz bemerkenswerter Fortschritte bei Mobilität und Zusammenarbeit einen ernüchternden, ja alarmierenden Befund. Denn eine Steigerung der Produktivität der Wissensarbeit zu Lasten der Wissensarbeiter ist alles andere als nachhaltig. Mag sein, dass sich mit Appellen an die Eigenverantwortung und kosmetischen Korrekturen unter dem Label „New Work“ die Mitarbeitenden über eine begrenzte Zeit hinweg weiter motivieren lassen. Über kurz oder lang aber drohen Erschöpfung und Frustration. Und mit erschöpften und frustrierten Belegschaften lässt sich im digitalen Wettbewerb kein Blumentopf gewinnen.

Tatsächlich scheinen viele angestellte Wissensarbeiter bereits innerlich gekündigt zu haben: Als Reaktion auf das zunehmende herausfordernde Umfeld setzen mehr als die Hälfte (54%) auf einen bewussten Rückzug ins Private, 44% schauen sich bereits nach alternativen Jobangeboten um.

Für die Unternehmenslenker sollten diese Befunde Anlass genug sein, den Abbau bzw. die Automatisierung von Routineaufgaben sowie die Anpassung von Organisation und Führung an die Spezifika der Wissensarbeit (endlich) konsequent in Angriff zu nehmen. Denn spätestens, wenn sich nach dem Ende der Pandemie die Konjunktur wieder erholt, dürfte der zuletzt viel beklagte Fachkräftemangel erneut auf die Agenda rücken.

 

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